You are currently viewing Pitch-Drop – Das am längsten laufende Experiment der Welt

Man könnte es mit dem sprichwörtlichen „Farbe beim Trocknen zusehen“ vergleichen, doch das wäre immer noch eine gewaltige Untertreibung. Das sogenannte „Pitch-Drop-Experiment“ ist nicht nur das am längsten, sondern auch das am langsamsten laufende Experiment der Welt. Denn dabei geht es im Grunde einfach nur darum, einem Klumpen Pech (Bitumen / Teer / Asphalt) dabei zuzusehen, wie es durch einen Trichter tropft.


Was ist „Pech“?

„Pech“ hat in diesem Fall natürlich nichts mit dem Gegenteil von Glück zu tun, es ist der Name einer extrem viskosen (dickflüssigen) Substanz, welche besser unter den Bezeichnungen Bitumen, Teer oder Asphalt bekannt ist. Bei Zimmertemperatur erscheint diese schwarze Substanz auf den ersten Blick wie ein Feststoff, doch tatsächlich ist sie flüssig, wenn auch, wie gesagt, sehr, sehr dickflüssig (ca 100 Milliarden Mal so zähflüssig wie Wasser). Sie verhält sich zwar durchaus wie eine Flüssigkeit, doch fließt sie so langsam, dass man sie über Jahre beobachten muss um einen Unterschied festzustellen – und darum geht es bei diesem Experiment, die Untersuchung des Fließverhaltens von „Pech“.

Das Pitch-Drop-Experiment

Das Pitch-Drop-Experiment: Ein Klumpen Teer tropft durch einen gläsernen Trichter in ein Becherglas (9 Tropfen in 95 Jahren)
John Mainstone derivative work: Amada44, University of Queensland Pitch drop experiment-white bg, CC BY-SA 3.0
Im Jahr 1927 kam der Wissenschaftler Thomas Parnell an der Queensland Universität in Brisbane, Australien auf die Idee, das Fließverhalten von Pech zu untersuchen. Dafür goss er eine erhitzte Probe der Substanz in einen unten versiegelten Glastrichter und ließ diese sich dann setzen und abkühlen – 3 Jahre lang. Erst im Oktober 1930 war es dann so weit, dass das Experiment beginnen konnte. Er schnitt das Siegel an der Spitze des Trichters ab und das Pech konnte beginnen zu fließen.

Es dauerte ganze 8 Jahre bis der erste Tropfen Pech in das darunter stehende Becherglas fiel. Und so ging es dann für viele Jahre weiter, alle circa 8 Jahre (+- circa 1 Jahr, siehe Tabelle) fiel ein weiterer Tropfen – bis dann Ende er 1980er (nach dem siebten Tropfen 1988) eine Klimaanlage in dem Gebäude installiert wurde. Danach verlangsamte sich das Experiment deutlich.

Heute, über 95 Jahre nach Beginn des Experiments, sind insgesamt erst 9 Tropfen aus dem Trichter gefallen, der letzte im Jahr 2014 (durch die Klimaanlage dauert es also um über 50% länger). Der nächste Tropfen wird irgendwann im laufe dieses Jahrzehnts erwartet, wahrscheinlich zwischen 2026 und 2028, vielleicht aber auch erst 2029.

Verlauf des Experiments:

DatumEreignisDauer
1927Pech eingefüllt
Oktober 1930Siegel entfernt3 Jahre
Dezember 19381. Tropfen8 Jahre, 2 Monate
Februar 19472. Tropfen8 Jahre, 3 Monate
April 19543. Tropfen7 Jahre, 3 Monate
Mai 19624. Tropfen8 Jahre, 1 Monat
August 19705. Tropfen8 Jahre, 3 Monate
April 19796. Tropfen8 Jahre, 8 Monate
Juli 19887. Tropfen9 Jahre, 3 Monate
November 20008. Tropfen12 Jahre, 4 Monate
April 20149. Tropfen (erste Beobachtung)13 Jahre, 5 Monate

Wer also bei dem nächsten Tropfen dabei sein will, sollte es sich schon mal vor dem Stream gemütlich machen (eine Webcam gibt es mindestens seit dem Jahr 2000, genauer konnte ich es nicht herausfinden, aber den Tropfen im November 2000 hätte man fast auf Video gehabt, wenn da nicht ein Gewitter einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Seit mindestens 2014 ist auch ein öffentlich zugänglicher Livestream vorhanden). Seit dem letzten Tropfen sind, stand heute, 23.01.2026, übrigens 11 Jahre und 9 Monate vergangen.

2014, nach 84 Jahren, wurde der erste Tropfen beobachtet

Auch wenn das Experiment bereits seit 1930 läuft hat man es vor 2014 (Tropfen Nr. 9) tatsächlich nicht geschafft, jemals einen Tropfen live mitzuerleben, im Jahr 2000 hätte man es fast geschafft, da es damals bereits eine Webcam gab, die das Experiment beobachtete, aber dann hat man den Tropfen wegen eines Stromausfalls aufgrund eines Gewitters verpasst.

Erst der 9. Tropfen konnte dann endlich live beobachtet werden, und das dann auch gleich von jedem, der sich zu diesem Zeitpunkt den Stream ansah (und natürlich von allen anderen in der Aufzeichnung). Wer also unbedingt einmal bei so einem Ereignis dabei sein möchte, hier findet ihr den Livestream.

Nobelpreis für Pech beim Tropfen zusehen (und die meisten verpassen^^)?

Ja, für dieses Experiment wurde Thomas Parnell und John Mainstone ein Nobelpreis verliehen, allerdings nicht die Sorte, über die man sich in der Regel freut, sondern ein sogenannter „Ig Nobelpreis“, das ist ein satirischer „Nobelpreis“ (gern auch „Anti-Nobelpreis“ genannt), der für besonders „sinnlose“ Experimente verliehen wird (siehe: Liste der Ig Nobelpreis Gewinner). Mainstone übernahm die Betreuung des Experimentes im Jahr 1961 von Parnell, beide starben tragischerweise ohne jemals selbst einen fallenden Tropfen gesehen zu haben.



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